Was Hersteller jetzt wissen müssen – Das Fujitsu-Beispiel:
Fünf Netzteile, ein Karton so groß wie ein Fernseher. Wer so ein Paket öffnet, staunt nicht selten über den gähnenden Leerraum: winzige Teile, eingebettet in Luftpolster, Schaumstoff und Papierberge. So geschehen bei einer Fujitsu-Lieferung – und leider kein Einzelfall. Überdimensionierte Verpackungen sind in der IT-Branche weit verbreitet. Sie verschwenden Material, erhöhen Transportkosten und blähen den CO₂-Fußabdruck unnötig auf. Doch mit der neuen EU-Verpackungsverordnung (PPWR) wird dieser Umgang künftig nicht mehr zulässig sein.

Inhaltsverzeichnis
Das Problem: Zu viel Luft im System
In der Elektronikindustrie hat Leerraum fast Tradition. Hersteller greifen aus Kostengründen oft auf standardisierte Kartonformate zurück – „one size fits all“. Klingt effizient, führt aber dazu, dass Ware in viel zu großen Verpackungen landet.
Die Folgen:
- Mehr Materialverbrauch für Kartons, Füllstoffe und Paletten
- Unnötige Transportvolumina – weniger Produkte pro Lkw bedeutet mehr Fahrten
- Höherer CO₂-Ausstoß und steigende Logistikkosten
Aus Kundensicht ist das ebenso ärgerlich wie absurd: Warum soll ein kleines Netzteil so verpackt sein, als wäre es ein Servergehäuse?
Die Lösung: Die neue EU-Verpackungsverordnung (PPWR)

Mit der am 11. Februar 2025 in Kraft getretenen Verordnung (EU) 2025/40, der sogenannten Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR), zieht die EU erstmals klare Grenzen für unnötigen Verpackungsleerraum.
Die wichtigsten Punkte auf einen Blick:
- Pflicht zur Verpackungsminimierung – ab 12. August 2026
Jede Verpackung muss auf das funktional notwendige Minimum reduziert werden. Hersteller und Händler müssen nachweisen, dass kein übermäßiger Leerraum enthalten ist. - 50 %-Regel ab 1. Januar 2030
In E-Commerce-, Versand- und Transportverpackungen darf der Leerraumanteil künftig höchstens die Hälfte des gesamten Innenvolumens betragen.
Rechenbeispiel:
Ein Karton mit 10 Litern Innenvolumen darf maximal 5 Liter Leerraum (inklusive Füllmaterial) enthalten.
Formel:
(Innenvolumen – Produktvolumen) / Innenvolumen × 100 ≤ 50 %
- Berechnungsmethodik:
Spätestens bis Februar 2028 legt die EU-Kommission einheitliche Berechnungs- und Messregeln fest – ein wichtiger Punkt, um zwischen Branchen vergleichbare Standards zu schaffen. - Ausnahmen:
Nur, wenn zusätzlicher Raum technisch erforderlich ist (z. B. für Transportschutz empfindlicher Güter), dürfen Hersteller mehr Volumen beanspruchen – das muss aber nachvollziehbar begründet werden.
Was bedeutet das für Hersteller wie Fujitsu?
Die PPWR zwingt die Elektronikindustrie zum Umdenken in der Verpackungslogistik. Standardkartons und überdimensionierte Innenverpackungen werden künftig ein Compliance-Risiko.
Erforderliche Maßnahmen:
- Passgenaue Verpackungskonzepte entwickeln
→ etwa modulare Kartonsysteme mit anpassbarer Innenstruktur. - Digitale Volumenanalysen einsetzen, um Leerraum zu messen und Verpackungsgrößen zu optimieren.
- Schulung der Lieferkette: Zulieferer müssen über neue Vorgaben informiert und in die Verantwortung genommen werden.
- Neue Materialien prüfen: Dünnere Wellpappe, präzisionsgeschnittene Inlays oder recyclingfähige Schutzelemente aus Papier anstelle von Schaumstoff.
Positiver Nebeneffekt:
Wer frühzeitig umstellt, spart nicht nur Materialkosten, sondern reduziert auch Transportaufwand. Weniger Volumen pro Sendung wirkt sich direkt auf CO₂-Bilanz, Lagerlogistik und Kundenzufriedenheit aus.
Kritische Bewertung
Die PPWR ist ein Schritt in die richtige Richtung – verbindlich, EU-weit einheitlich und mit klaren Fristen. Endlich werden Leerraum und Füllmaterial nicht mehr als Nebensache, sondern als relevante Umwelt- und Effizienzfaktoren betrachtet.
Aber:
- Der volle Zwang greift erst 2030. Angesichts des aktuellen Verpackungsaufkommens ist das spät.
- Die 50 %-Grenze dürfte für viele Branchen großzügig sein – realistisch wären 30 % oder weniger.
- Die Umsetzung hängt stark von nationaler Kontrolle ab. Ohne systematische Messung und Sanktionen bleibt die Regel ein Papiertiger.

Fazit und Ausblick
Die neue EU-Verpackungsverordnung markiert den Anfang vom Ende des „Versand mit Luftpolster“. Hersteller wie Fujitsu werden bald nicht mehr umhin kommen, Verpackungskonzepte komplett neu zu denken. Dabei ist das nicht nur Pflicht, sondern Chance: Weniger Leerraum bedeutet weniger Materialeinsatz, niedrigere Transportkosten und ein glaubwürdig nachhaltiges Image.
Wer bis 2030 wartet, hat den Markttrend verschlafen. Ab 2026 greift bereits die Pflicht zur Verpackungsminimierung – genug Zeit, um Prozesse anzupassen und Best Practices zu entwickeln.